Freitag, 26. Juni 2009

Der französische Lebensphänomenologe Michel Henry interpretiert Meister Eckhart

Die innere Struktur der Immanenz und das Problem ihres Verständnisses als Offenbarung: Eckhart, in: Meister Eckhart – Erkenntnis und Mystik des Lebens, hg. von Rolf Kühn u. Sébastien Laoureux. Freiburg: Alber 2008, S. 13–33

Zwar glaubt Henry, es sei nicht Eckharts Ziel gewesen, „die ontologischen Letztstrukturen, welche ds Wesen der Wirklichkeit bilden“, freizulegen, sondern durch die Predigt den Bezug des Menschen zu Gott und deren Vereinigung zu lehren; aber Henrys radikalphänomenologischer Ansatz macht es unmöglich, einen solchen Bezug oder eine solche Vereinigung vom weltlichen Menschen her zu denken und zu erstreben. „Sich auf Gott zu beziehen, das Absolute offenbar werden zu lassen, ist allerdings nur durch das Werk der Manifestation selbst möglich.“ (13) Es gibt im Letzten nur ein Sich-offenbaren, und in ihm keine Zweiheit (von Sender und Empfänger). Die Offenbarung ist das allererste Aufgehen, noch ‚bevor‘ es eine Distanz gibt, ein Wem-etwas-aufgeht. Vielmehr geschieht im Sich-offenbaren auch das Offenbarwerden der Seele, die ‚dann‘ in ihrem Werden erst als das “Mich“ der Empfängnis wirklich wird; „denn dieses Wesen [der Seele] ist als solches nicht von diesem Werk oder vom Wirken Gottes nach Eckharts Worten verschieden: ‚Als Gott den Menschen machte‘, erklärt er, ,da wirkte er in der Seele sein (ihm) gleiches Werk, sein wirkendes Werk und sein immerwährendes Werk. Das Werk war so groß, daß es nichts anderes war als die Seele, und die Seele (wiederum) war nichts anderes als das Werk Gottes.“ (Pr. 26: PT 271/Pr. 109: DW IV)

Kommentare:

Webmaster Lebensphänomenologie hat gesagt…

Lieber Karl Heinz,Du hast ja in dem genannten Band einen nicht kontrovers angelegten Beitrag geliefert. So interessiert mich angesichts Deiner kritischen Äußerung hier, ob Du in dieser Richtung nachlegen könntest? Siehst Du einen Gegensatz zwischen Henrys scheinbarer Geringschätzung des Welterscheinens und der "Phänomenologie" Eckharts?
Liebe Grüße, Marco

Karl Heinz Witte hat gesagt…

Lieber Marco,
der obige Beitrag ist nicht kontrovers gemeint. Ich zitiere oder referiere nur, und drücke damit meine Zustimmung aus.
Übrigens habe ich diesen Blog lange genug vernachlässigt. Da ich bald mit einem Projekt fertig bin, werdie ich die Eckhart-Studien wieder aufnehmen und wieder hier veröffentlichen.
Herzlichen Gruß
Karl Heinz