Sonntag, 14. September 2014

Cooper, Jeffry (2013): The pathless path of prayer. Is there a meditation method in meister Eckhart. In: Halvor Eifring (Hg.): Meditation in Judaism, Christianity and Islam. Cultural histories. 1. publ. London: Bloomsbury, S. 123–135.



Zusammenfassung: Eckhart bietet keine Meditationsmethode, noch weniger eine Technik, sondern einen Ereignisort (venue) für die incarnatio continua. Diese ist Hauptgegenstand seiner Lehre, sie ist kein historischer, sondern ein fortdauernder Prozess, der jeden einzelnen betrifft: die Menschwerdung Gottes und zugleich die Gottwerdung (deification) des Menschen. Dieses Konzept betrachtet Cooper nicht in historischer Auslegung, sondern aus der Sicht der zeitgenössischen Kulturphänomenologie, insbesondere mithilfe von Merleau-Ponty. Zentral ist ein Zwischenstand (in-betweenness), nicht Gott über dem Menschen oder umgekehrt -- noch Seele über dem Körper oder umgekehrt. Dafür übernimmt Cooper von Merleau-Ponty den Begriff der Unentschiedenheit (indeterminance). Er räumt ein, dass Eckhart einwenden könnte, dass für das Wirken Gottes hier kein Platz ist, aber „ich glaube, dass für den Meister Zugang zum Göttlichen die Bereitschaft des Menschen bedeutete, seine eigene existentielle Unentschiedenheit zu erfahren (I believe that for the Meister access to the divine meant the human willingness to encounter one's own existential indeterminancy)“(126). Die Zwischenstellung ist für Cooper ein existenzielles Zwischen: Das Dunkel ist für das Licht eine „mögliche Empfänglichkeit“. Der „Leib“ (so wörtlich) oder lived body hebt die hebt die Gegenstellung von Körper und Seele auf. 

  • Diese Mittelstellung ist die Basis für ein meditatives Leben, das in Sehen und Hören sich vollzieht; Sehen in der Richtung nach außen, Hören im Empfangen.

Stellungnahme: Ich finde die Gedanken einer Mittelstellung zwischen Gott und Mensch, Licht und Dunkel, Körper und Seele – als Position, die sich für den Menschen aus Eckharts Lehre ergeben soll, bedenkenswert. Dieser Standpunkt ist folgerichtig, wenn man den Menschen als Geschöpf betrachtet und von daher versucht, Eckharts Ideen zu integrieren. Ich glaube aber nicht, dass diese Position Eckhart wirklich gerecht wird. Sein Punkt ist ja gerade die Überwindung des Geschöpflichen, er betont auch meistens die Unvereinbarkeit von Licht und Dunkel und er will die Aufhebung von Zeitlichkeit, Leiblichkeit und Vielheit.-
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Man kann Eckharts Standpunkt verwerfen, da er nicht „realistisch“ ist. Es bleibt aber, wenn man ihn phänomenologisch erst nimmt, die Frage bestehen, welchen Stand das Transzendentale, die Geburt des Wortes, die Inspiration und Tranformation, d. h. die Radikalität des Prinzips „Was oben war, wurde innen“ (Eckhart Pr. 14) in der Erfahrung des Menschen haben kann.

Kommentare:

Rainer H hat gesagt…

Lieber Herr Witte, das freut mich, dass Sie Ihren Blog wiederbelebt haben.

Für mich ist das auch weiterhin die entscheidende Frage in meiner Beschäftigung mit Meister Eckhart:
Wie und wo lässt sich die von ihm dargestellte Absolutheit und Transzendenz konkret in meiner Lebenswirklichkeit und Erfahrung auffinden? Ich stimme Ihnen zu, wenn Sie sagen, dass Eckhart keine Meditationsmethode oder sonstige Technik "anbietet" - aber wie kann es mir denn gelingen, den, wie Sie es nennen, "Ereignisort für die incarnatio continua" zu erfahren - neben der gedanklich notwendigen Bewusstwerdung und Vertiefung? Schöne Grüße, Rainer Herzog

Karl Heinz Witte hat gesagt…

Hallo, Herr Herzog, dieser Frage werde ich in meinem Neujahrsurlaub nachgehen und eine Bemerkung dazu in den Blog stellen. Beste Grüße
KHW